Warum interessiert sich in der akademischen Philosophie kaum jemand für das Lesen?

Nein, es geht hier nicht um den Untergang des Abendlandes, sondern nur um eine kleine Beobachtung zu einer Kuriosität in der akademischen Philosophie. Philosophie ist eine Disziplin, in der Lesen eine Schlüsselkompetenz ist – nicht zuletzt, weil sich philosophischer Austausch oft auf die präzise Formulierung einer Prämisse oder eines Arguments konzentriert. Aber während es zahlreiche Leitfäden zum Schreiben philosophischer Texte oder zur Rekonstruktion von Argumenten gibt, existiert so gut wie nichts zum Lesen. Angesichts der Tatsache, dass unterschiedliche Personen beim Lesen philosophischer Texte (seien sie historisch oder zeitgenössisch) häufig zu gegensätzlichen Deutungen gelangen und dass viel Energie darauf verwendet wird, die „richtige“ Lesart herauszuarbeiten, ist es – gelinde gesagt – erstaunlich, dass es so wenig Reflexion über das Lesen gibt. Oder vielleicht doch nicht?
Eines der ersten Dinge, die ich als Philosophiestudent gelernt habe, ist, dass Philosophie größtenteils eine implizite Kultur ist, in der die Regeln des Spiels nicht ausgesprochen, sondern durch Nachahmung weitergegeben werden. Lesepraktiken betreffen jedoch nicht nur die Regeln eines bestimmten Spiels. Man kann vielmehr sagen, dass solche Praktiken das oft unreflektierte Gewebe unserer Intuitionen und Lebensweisen bilden. Unsere (gegenwärtige, im Unterschied einer anderen möglichen) Lesepraxis zu verstehen, würde also nicht nur Aufschluss über unsere spezifischen Gewohnheiten geben, sondern auch darüber, warum wir bestimmte Texte und Formen des Lesens überhaupt anderen vorziehen. Warum also kümmern wir uns so wenig darum? Während ich ein größeres Projekt und einen Workshop zum Thema Lesen vorbereite, möchte ich einige Begegnungen und Überlegungen dazu teilen.
Textproduktion. – Da ich als Historiker der Philosophie ausgebildet wurde – zunächst als Mediävist und später als Frühneuzeitforscher –, hat es mich immer fasziniert, dass Texte von Historiker*innen erst produziert werden müssen (bevor sie konsumiert werden können). Wenn man sich bewusst macht, welchen Weg die Texte, die wir in Büchern lesen, bereits hinter sich haben – vom Auffinden und Transkribieren von Handschriften in lesbares Latein über eine kritische Edition nach Auswahl eines Leitmanuskripts (unter Verweis auf abweichende Handschriften und Quellen) bis hin zu einer Übersetzung, die mit anderen Übersetzungen konkurriert und schließlich veröffentlicht wird –, dann wird deutlich, dass die materielle Grundlage des Lesens und ihre Verfügbarkeit, aus welchen ideologischen oder finanziellen Gründen auch immer, bereits ein Thema zum Nachdenken ist.
Noch bevor wir also überhaupt einen Text zu Gesicht bekommen, werden zahlreiche Entscheidungen getroffen, die Autor*innen und ganze Traditionen einschließen oder ausschließen. Wenn Kolleg*innen sagen, sie veränderten den Kanon, indem sie einen neuen Text auf die Leseliste setzen, möchte ich oft fragen, warum sie glauben, dass der Text nicht bereits Teil des Kanons ist – besonders wenn er (relativ) leicht verfügbar ist. Aber das nur am Rande. Entscheidend ist: Lesen setzt die Verfügbarkeit von Texten voraus – und diese ist bereits eine hochgradig ideologische Angelegenheit (oder erklären Sie mir, warum alle, die sich auf mittelalterliche Philosophie beziehen, stets nur auf Thomas von Aquin verweisen).
„Warum sollte man sich darüber Gedanken machen? – Ich lese einfach.“ – Noch an der Universität Groningen fragte ich einmal Kolleg*innen, ob wir nicht einen Leitfaden zum Lesen verfassen sollten, der detailliert darlegt, wie ein jeder seine jeweiligen Lektüren angeht. Die Standardantwort lautete: „Warum? Ich lese einfach. Da gibt es nicht viel zu sagen.“ Wenn man weiter nachfragte, beschrieben sie häufig Methoden der Rekonstruktion und Formalisierung von Argumenten, die zugleich hochgradig technisch und wandelbar waren.
Wenn Sie also zu den armen Seelen gehören, die glauben, es gebe eine einzig richtige Art, ein Argument aus einem Text zu rekonstruieren – vergessen Sie es! Es ist harte und andauernde Arbeit, ganz gleich, ob der Text von Platon oder von Ted Sider stammt. Der entscheidende Punkt ist: Egal, ob man Historiker der Philosophie oder überzeugter Analytiker ist – jede Lektüre ist höchst umstritten. Sollte diese Tatsache nicht eine Diskussion darüber auslösen, wodurch Lesarten eingeschränkt sind oder ob sie eingeschränkt werden sollten? Man könnte es meinen. Aber tatsächlich gibt es praktisch nichts dazu (weshalb ich es für angebracht hielt, eine Tagung über das Warum und Wie der Philosophiegeschichte zu organisieren).
Texte versus Argumente. – In meinem ersten Jahr als Philosophiestudent wurde ich gebeten, ein Argument von Leibniz zu rekonstruieren. Wir sollten Dezimalzahlen verwenden. Mein Dozent (für diejenigen, die es interessiert: es war Lothar Kreimendahl) war nicht zufrieden: Statt eine Liste nummerierter Propositionen zu präsentieren, schrieb ich das, was man heute eine narrative Darstellung nennen würde. Stolz lehnte ich es ab, für mein vermeintliches Versagen eine Note zu akzeptieren.
Was ich daraus gelernt habe, ist, dass die Distanz zwischen einem Text und seiner Rekonstruktion sehr groß und sehr unterschiedlich sein kann. Ich bin glimpflich davongekommen, aber ich mache mir noch immer Sorgen um diejenigen, die glauben, es gebe eine einzig wahre Rekonstruktion oder Lesart eines Textes. Die Konsequenz ist: Es gibt keinen klaren Weg vom Text zur Rekonstruktion eines Arguments. Tatsächlich muss der Text zunächst in einem bestimmten Kontext gesehen werden, als Beitrag zu einer bestimmten Fragestellung. Aber wie weiß oder etabliert man das? Nun, zunächst einmal muss es eben etabliert werden – sei es durch die Dozentin oder den Dozenten, durch Gesprächspartner*innen oder durch die Literatur, die man dazu liest.
Mit anderen Worten: Es gibt kein Argument, das man einfach aus einem Text herauslesen könnte. Die Art und Weise, wie man mit Texten umgeht (etwa indem man sie als Behälter für Argumente betrachtet), muss selbst erst etabliert werden.
Wen interessiert das? – Natürlich müssen sich Forscher*innen, die sich mit verschiedenen Epochen der Philosophiegeschichte oder mit Lesekulturen beschäftigen, damit befassen. Doina-Cristina Rusu und Dana Jalobeanu haben mir zum Beispiel gezeigt, dass Rezepte und Experimentbeschreibungen eine spezifische Lesekultur bilden, die man für sich untersuchen muss, um zu verstehen, wie Wissen verstanden und weitergegeben wurde.
Dasselbe gilt meiner Ansicht nach auch für die gegenwärtige Philosophie, doch die implizite Kultur legt etwas anderes nahe. Solange diese Kultur oder Kulturen jedoch implizit bleiben, betreiben wir meiner Meinung nach nicht einmal richtige Philosophie (wenn Philosophie auch bedeutet, die Voraussetzungen des eigenen Denkens zu untersuchen). Meine Vermutung ist daher, dass wir größtenteils das tun, was Thomas Kuhn „Normalwissenschaft“ genannt hat: Wir ahmen unreflektiert unsere Lehrer*innen nach.
Dabei stoßen wir jedoch auf etwas Unheimliches: Studierende, die sich nicht mehr fürs Lesen interessieren und ihre Texte sogar mit Hilfe von LLMs verfassen. Merkwürdigerweise bestehen wir in genau dieser Situation weiterhin auf einer klaren Unterscheidung zwischen dem reflektierten Text und dem geschriebenen Text. Mein Eindruck ist, dass unsere implizite Lesekultur uns nur sehr wenige Antworten auf solche Probleme lässt. Der entscheidende Punkt lautet: Wir brauchen eine Vorstellung davon, wie Texte mit Gedanken usw. zusammenhängen, um mit dieser Situation umgehen zu können. Dafür müssen wir jedoch die Voraussetzungen des Lesens verstehen.
Nicht einmal die Philosophiedidaktik? – Während Praktiker*innen verschiedener Philologien und verwandter Disziplinen offenbar großes Interesse an Lesepraktiken haben, ist die Situation in der Philosophie so schlecht, dass nicht einmal die Philosophiedidaktik viel dazu zu sagen hat. Wirklich? Man könnte doch meinen, dass die Ausbildung von Philosophie-Lehrkräften sich mit dem Lesen beschäftigt.
In Gesprächen mit einigen sehr erfahrenen und renommierten Didaktikerinnen wie Vanessa Albus oder Laura Martena habe ich jedoch gelernt, dass Lesen im Philosophieunterricht nicht nur als problematisch gilt, sondern oft sogar aktiv an den Rand gedrängt wird. Aber warum? Ein Grund ist, dass Philosophie bereits in der Grundschule unterrichtet wird – auf einer Stufe also, auf der man kaum mit Texten arbeitet. Für spätere Schulstufen wird häufig auf sogenannte Nach-Texte zurückgegriffen, die die Meinung einer Philosophin oder eines Philosophen in zusammengefasster Form darstellen (als eine Position unter anderen). Auf diese Weise kann ein Text von Kant im Unterricht leicht auf die Meinung eines Talkshow-Gastes reduziert werden.
Nicht ganz so drastisch, aber vielleicht ähnlich im Geiste, ist Jonathan Bennetts bekannte Initiative, klassische Texte der frühen Neuzeit aus dem Englischen ins Englische zu übersetzen – „mit dem Ziel, sie leichter lesbar zu machen, während die Hauptargumente, Lehren und Gedankengänge erhalten bleiben“. Auf diese Weise erhält man etwa eine vereinfachte Version von Lockes Essay. (Vor mehr als fünfzehn Jahren war ich an einem Übersetzungsprojekt beteiligt, bei dem jemand diese Texte für Originaltexte hielt und eine Übersetzung eines klassischen Textes aus dem vereinfachten Englisch ins Deutsche einreichte. Zum Glück bemerkten wir das rechtzeitig.)
Der entscheidende Punkt ist: Selbst die Didaktik – wiederum mit bemerkenswerten Ausnahmen – begnügt sich oft mit dem scheinbar wundersamen Übergang von der Textoberfläche zum vermeintlichen Argument oder zur Position, ohne viel über mögliche Störungen durch unterschiedliche Lesestrategien nachzudenken. Gleichzeitig ist die Didaktik merkwürdigerweise eine relativ junge Disziplin, die noch zu meiner Studienzeit eher am Rande stand.
Sind Philosoph*innen noch immer stolz darauf, nicht viel gelesen zu haben? – Vielleicht hat also die oft wiederholte Annahme, dass „selbstständiges Denken“ – unsere vermeintliche Originalität – nicht viel Lektüre benötigt oder sogar durch zu viel Lesen behindert wird, immer noch große Verbreitung. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, wurden Texte häufig nicht als Orte des Denkens betrachtet, sondern fast nur als Anlass zum Denken.
Am Ende kann ich hier nur erste Hinweise darauf geben, warum es so wichtig ist, über das Lesen nachzudenken – und warum es dennoch als philosophisches Thema an den Rand gedrängt worden sein könnte. Zwar war meine jüngste Bestandsaufnahme über verschiedene philosophische Disziplinen hinweg in dieser Hinsicht etwas ernüchternd (mit einigen wenigen klassischen Ausnahmen, vor allem aus dem französischen Raum und aus der weiteren phänomenologischen Tradition). Doch ich habe große Hoffnungen, was die benachbarten Disziplinen betrifft.
Martin Lenz
Auf Martins persönlichen Blog finden sich eine Reihe von Beiträgen zum Thema Lesen. Für den Einstieg können Sie innerhalb der Kategorie Reading as a Social Practice suchen. Von nun an werden wir hier weitere Texte und Kuriositäten zu diesem Thema veröffentlichen. Bleiben Sie also dran!
