Lesen als soziale Praxis – Forschungsforum
Im Anschluss an den Berliner Workshop im Frühjahr 2026 entstand der Wunsch, weiter an den dort entwickelten Fragestellungen zu arbeiten. Daraus entwickelte sich das Forum Lesen als soziale Praxis, das als internationaler Zusammenschluss von an Fragen des Lesens interessierten Forscher*innen im Herbst 2026 die Arbeit aufgenommen hat.
Wir treffen uns regelmäßig in Zoom, um Projekte vorzustellen, zu diskutieren, Ideen auszutauschen. Organisiert wird das Forum von Irmtraud Hnilica und Martin Lenz.
Im Gespräch bleiben
Der wissenschaftliche Austausch, der beim Berliner Workshop im März 2026 begonnen hat, wird im Forschungsforum fortgesetzt.
Zum Workshop 2026Forumsmitglieder
Barbara Bausch
Barbara Bausch ist Literaturwissenschaftlerin am Exzellenzcluster 2020 Temporal Communities: Doing Literature in a Global Perspective an der Freien Universität Berlin. Ihre [oder stattdessen: Barbara Bauschs] Forschungsinteressen liegen auf der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, insbesondere auf Formen politischen und experimentellen Schreibens. In ihrem Forschungsprojekt READING READING beschäftigt sie sich sowohl theoretisch als auch in explorativen Formaten mit dem Lesen als ästhetischer und sozialer Praxis – unter anderem anhand von Phänomenen wie Unlesbarkeit oder Praktiken kollektiver Lektüre. Zuletzt erschienen: Standortbestimmungen. Strategien literarischer Selbstpositionierung (hrsg. mit Julia Weber, Berlin Universities Publishing 2025), Illegibilities Reflecting Reading (Hrsg., Textem 2025), und Spielformen der Störung. Ror Wolfs radikaler Realismus im Kontext experimenteller Prosa der 1950er–1980er Jahre (transcript 2024).
Julian Sieler
In meiner Forschung beschäftige ich mich mit aktuellen Phänomenen und Trends des Lesens: Was und wie wird heute gelesen, wie sprechen wir über Lesen auf Social Media oder in Feuilletons? Besonders spannend finde ich dabei die Konstruktion von Männlichkeiten: Welche Bücher werden ‚Männern‘ empfohlen, wie wird der nicht, performativ oder auch sehr begeistert lesende Mann betrachtet, diskutiert – und oft auch zum Meme? Insgesamt interessieren mich BookTok und dort diskutierte Bücher. Aktuell verschlinge ich Sports Romances (Geheimtipp: Heated Rivalry) – aus rein wissenschaftlichem Interesse natürlich!
Céline Padtberg
Ich promoviere zu Leseszenen in der Journalliteratur des 19. Jahrhunderts. Ich interessiere mich besonders für diesen Zeitraum, da dies das Jahrhundert der Alphabetisierung ist und sich mit Hilfe der Leseszenen Lesegewohnheiten und -praktiken von Personen verschiedener sozialer Schichten und verschiedener gender nachzeichnen lassen. Das Journal als Medium spielt zu der Zeit ebenfalls eine wichtige Rolle, weswegen dies der für meine Arbeit zentrale Ausgangspunkt ist.
Jola Vollmer
Jola Vollmer forscht zu feministischen Lektürepraktiken in der Philosophie. Diese nehmen die Zusammensetzung des philosophischen Kanons kritisch in den Blick, hinterfragen Geschlechterhierarchien und vergeschlechtlichte Kategorien in philosophischen Texten und reflektieren androzentrische Arbeitsweisen. Feministische Lektürepraktiken verbinden damit die Kritik am bis heute wirksamen Androzentrismus der Philosophie mit dem Versuch, kanonisierte Texte neu und anders zu lesen und sie für gegenwärtige Fragestellungen produktiv zu machen. In ihrem Projekt im Rahmen des Forums „Lesen als soziale Praxis“ geht sie der Frage nach, inwiefern feministischen Lektürepraktiken ein genuin soziales Moment innewohnt und inwiefern umgekehrt ein Fokus auf die Sozialität des Lesens neue Perspektiven für feministische Lektürepraktiken eröffnet. //
Madeleine Span
Als Kultur- und Kunstsoziologin erforscht Madeleine Span die digitalen Praktiken und Affordanzen der Gegenwartsgesellschaft. Im Kontext des Arbeitsschwerpunkts von „Lesen als soziale Praxis“ untersucht sie die Mentalitäten und Handlungsmotive von Rezeptionsgemeinschaften in der Digitalsphäre. Im Rahmen ihrer Dissertation befasste sie sich mit Self-Publishing im Kontext der Singularisierungsgesellschaft und als Phänomen der aktuellen Literatursphäre. In ihrem aktuellen FWF Esprit-Projekt (Grant DOI: 10.55776/ESP3180326) erweitert sie diese Perspektive und analysiert, wie künstlerisch forschende Arbeitspraktiken in digitalen Räumen gemeinschaftlich sowie durch Plattformlogiken geprägt werden.
Neelofar Khan
Meine Forschung beschäftigt sich mit digitalen Lesekulturen und der Frage, wie soziale Medien Lesepraktiken und literarische Teilhabe verändern. In meinem aktuellen Projekt „Digitale Lesekultur und literarische Gemeinschaften in sozialen Medien: Eine Untersuchung digitaler Räume für Buchrezensionen“ untersuche ich Plattformen wie BookTok, Bookstagram, BookTube und Goodreads als Räume, in denen Leserinnen und Leser literarische Erfahrungen teilen, diskutieren und gemeinsam gestalten. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie diese digitalen Interaktionen zur Entstehung von Online-Lesegemeinschaften beitragen und das Lesen als soziale und partizipative Praxis neu prägen.
Valentina Sperotto
Ich leite das THOR-Projekt (The Habit of Reading: History, Philosophy and Practice) an der Universität Ca‘ Foscari Venedig, welches das Lesen aus historisch-philosophischer Perspektive als immaterielles Kulturerbe untersucht. Meine Forschung betrachtet das Lesen als Praxis der Aufmerksamkeit und als geteilte Gewohnheit, die Zusammenhalt und Inklusion fördert und durch Leselabore, digitale Medien sowie partizipative Textdiskussionen erforscht wird.
Maria Kraxenberger
Meine Forschung befasst sich mit Lesen als sozialer Praxis, die beispielsweise durch Lesesozialisation und Anschlusskommunikation über Gelesenes geprägt wird, statt als rein solitärem, kognitivem Akt. Mein aktuelles Projekt untersucht dies empirisch im Kontext von Climate Fiction und erforscht, wie Leser*innen sich mit zeitgenössischen Klimaerzählungen auseinandersetzen, darüber sprechen und dadurch emotional und motivational geprägt werden.
Charlotte Baumann
I will analyze actual (collective) reading practices in Latin America (particularly Guatemala) that bring colonial/Western political concepts into friction with lived realities. I ask: How is this friction experienced and expressed, how is it used to make new sense of the world and/or change social interactions?
Luce deLire
I am interested in imaginative reading practices concerning legal texts and in the constitutive role that unread texts play in political discourse. For example, people talk about politics, but people don’t read laws. This should be surprising, because most laws are available online. It goes together with a generally submissive relation that many people exhibit towards the law: like in Kafka’s famous fable, the law seems inaccessible, forever removed, and if the guard of the law (a lawyer?) says ‚you can’t go in‘, then that is the end of the debate. But, as Kafka rightly says, if you don’t go all the way to the law to read it yourself, you will always remain outside of legal discourse. My question is therefore how political discourse is structured by the absence of reading the law, how this absence fabricates an inadequate expectation of unchangable and incomprehensible legality and how this could be changed, or better: what would a democratic society look like that democratised access to the law, in which reading the law was a collective practice and in which interpreting the law collectively and creatively was a common practice? Which reading strategies would this entail and how can we make it happen?
Foto: © Annemarie Popp/Universität BremenStefanie Jakobi
Meine Forschung widmet sich dem transmedialen und transgenerischen Erzählen in den Kinder- und Jugendmedien sowie intersektionalen Fragestellungen. Unter der Perspektive des Lesens als sozialer Praxis suche ich der Frage nach, wie sich literarische Bewertungsprozesse verschieben, wenn sie sich von institutionalisierten Vermittlungsinstanzen hin zu digitalen Leser:innengemeinschaften verlagern. Lesen als soziale Praxis verstehe ich so sals ambivalentes Verfahren, das Gemeinschaft stiftet und zugleich Ausschlüsse produziert.
Silvia Mazzini
Silvia Mazzini ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für Philosophie, Theater und politische Ästhetik am Institute for Doctoral Studies in the Visual Arts (IDSVA, Portland, USA). In ihrem Buch „Philosophy of Poverty“ (2027) helfen Theorie und Praxis der Interpretation dabei, Taktiken und altes Erbe neu zu erfinden und in ökologische Taktiken zu transformieren. Als Theaterautorin untersucht sie zudem, wie gemeinschaftsbasierte Lesepraktiken auch „unabgegoltene“ Narrative der Vergangenheit (Bloch) neu entdecken und neu interpretieren können.
Samuel Pedziwiatr
In meinem Projekt bin ich an den technologischen und soziotechnischen Bedingungen des Lesens als der Wahrnehmung und dem Interpretieren von Texten interessiert. Das Projekt untersucht mithilfe von Methoden der Technikphilosophie, wie der Einsatz von KI-Systemen jene Art von partikularisiertem Wissen erhalten, transformieren oder untergraben könnte, die das (literarische) Lesen kultiviert (insbesondere narrative Imagination). LLMs und andere KI-Systeme werden wahrscheinlich ambivalente Folgen auf spezifische Lesefähigkeiten und epistemische Bedingungen von Lesepraktiken haben, die es individuell abzuschätzen gilt. Negativ betrachtet besteht das Risiko, dass LLMs unsere Konzepte der Textualität und Autorschaft erodieren könnten. Positiv betrachtet könnte KI das Lesen befördern, indem sie mehr Menschen Zugang zu einer vielfältigen Bandbreite an Materialien verschafft, Menschen mit Behinderung oder verschiedenen Formen von Leseschwierigkeiten assistiert, und neue Möglichkeiten der Erschaffung und Auseinandersetzung mit dem geschrieben Wort eröffnet.
Bernadette Rauscher
In meinem Promotionsprojekt beschäftige ich mich mit BookTok und welches (neue?) Verständnis und welche Beziehungen zwischen Autor:in, Leser:in und Text dort inszeniert werden. Die Community spielt dabei eine zentrale Rolle. Lesen (und auch das Schreiben?) werden hier als soziale Praxis explizit gemacht, die sich sowohl online als auch offline manifestiert.
Merten Kröncke
Ich untersuche, welche literaturtheoretischen Auffassungen Menschen vertreten, die sich nicht professionell mit Literatur auseinandersetzen. Sind ‚alltägliche Leser:innen‘ der Meinung, dass die Bedeutung eines Texts von der Intention der Autorin abhängt? Glauben sie, dass es nur eine einzige ‚richtige‘ Interpretation eines Werks gibt? Und was verstehen sie überhaupt unter dem Begriff ‚Literatur‘? Um sich solchen und weiteren Fragen zu nähern, kombiniere ich quantitative und qualitative Methoden und werte Dokumente auf digitalen Plattformen wie LovelyBooks oder Amazon aus.
Tanja Prokić
Im Zentrum meiner Forschung steht das Lesen als soziale Praxis sowie die Frage, wie digitale Medienumgebungen dessen Bedingungen durch die Herausbildung eines von mir als User-Dispositiv bezeichneten Gefüges verändern. Das User-Dispositiv verstehe ich als historisch hervorgebrachte Anrufung von Subjekten in ihrer Rolle als Nutzer:in, in der sich Nutzung, affektive Teilhabe und Wertschöpfung in digitalen Umgebungen miteinander verschränken. Mein Projekt untersucht, wie Interface-Architekturen, mediale Affordanzen und wiederkehrende Nutzungsskripte Wahrnehmungs- und Handlungsweisen prägen und dadurch Formen literarischer Rezeption und ästhetischer Erfahrung hervorbringen und strukturieren.
Bastian Ronge
Zur Zeit beschäftige ich mich u.a. mit der Frage, wie das Studium der Philosophie “klassismusärmer” gestaltet werden kann. Vor diesem Hintergrund interessiere ich mich vor allem für eine praxistheoretische Analyse des Philosophiestudiums und dabei u.a. um die Frage, wie Lesen als soziale Praxis im Rahmen der akademischen/studentischen Lebensform verstanden werden muss.
